Fast 8 Wochen beutellos

Ich weiß, ich weiß – ich habe Besserung bezüglich meiner Schreibfrequenz gelobt und nun sind schon wieder über 2 Monate vergangen…

Aber ich kann das erklären: in den vergangenen Wochen ging es mir entweder so schlecht, dass ich gar nicht in der Lage war, mich hinzusetzen und in die Tasten zu hauen, oder es ging mir ausnahmsweise besser und ich wollte diesen seltenen Moment nicht mit Erinnerungen an die unschönen Momente der letzten Wochen verbringen…
Gerade habe ich das Gefühl, dass es bergauf geht und irgendwann muss ich die Erfahrung noch zu Papier bzw. besser gesagt auf den Bildschirm bringen, um sie dann auch loslassen zu können.

Mein Gedächtnis hat schon immer die wunderbare Gabe, negative Ereignisse sehr schnell, sehr weit weg zu schieben, aber ich versuche einmal, mich so gut es geht zu erinnern…

Am 7.9. bin ich im Krankenhaus eingecheckt, das übliche Prozedere mit diversen Voruntersuchungen am Folgetag. Am 9.9. dann der große Tag. Die OP verlief planmäßig und erfolgreich. Bereits 5h nachdem ich zurück auf dem Zimmer war, bin ich die ersten Schritte gelaufen und saß auf dem Balkon in der Sonne. Außer einer Wunddrainage auch keine weiteren Kabel oder Schläuche an mir dran – ich war begeistert.

Wenn ich mich recht erinnere, war es Freitag Abend, als sich das erste Mal etwas bewegt hat in meinen Gedärmen.
Ziemlich abgefahren, nach 1,5 Jahren wieder auf der Toilette zu sitzen und einen Pups loszulassen – keiner, der es nicht selbst durchgemacht hat, kann verstehen, wie unglaublich dankbar man für diesen ersten Pups ist! 😀
Zu Essen gab es erstmal gar nix, am Samstag (3. Tag nach OP) und Sonntag dann etwas Suppe und Kartoffelbrei.
Nachdem das soweit alles gut funktioniert hat, bekam ich dann Montag mittag die erste normale Mahlzeit – püriertes Hühnchen mit Karottengemüse. Das Hühnchen extra püriert, nachdem wir ja wussten, dass ich bzw. mein Darm eine gewisse Ileus (Darmverschluss) Neigung nach OPs an den Tag legt… hätte man mal lieber das Karottengemüse auch püriert….
Es hat ein paar Stunden gedauert und ich dachte einmal wieder, ich muss gleich sterben. Krämpfe und Schmerzen, dass mir schon schlecht wird, wenn ich nur daran zurück denke. Und das sind Schmerzen einer anderen Dimension – das kann sich ebenfalls keiner vorstellen, der sie nicht selbst erleben musste. Die einzige Linderung brachte eine ganze Ampulle Dipidolor (ein synthetisches Opioid), allerdings nur für ca. 30 Minuten und das ist schlecht, wenn das Medikament aufgrund seiner Stärke nur alle 4-5 Stunden gegeben werden darf.
Das ging dann 48h Stunden nonstop (also auch kein Schlaf) so weiter, bis ich am Mittwoch abend mit letzten Kräften auf den Putz gehaut und ein sofortiges CT oder sonstige Untersuchung gefordert habe.
Noch eine Nacht und ich wäre aus dem Fenster gesprungen.

Der Chirurg, der sich meiner erbarmt hat, wollte mich direkt aufschnippeln, um zu sehen, was da los ist (eine Vermutung hatte gelautet, dass der Haufen Verwachsungen, die ich habe, etwas abgeklemmt hat). Der Oberarzt wollte das lieber nicht. Mir war es scheißegal mit Tendenz zum Aufschneiden, Hauptsache, diese Schmerzen gehen weg.

Eine weitere Vermutung war, dass der Pouch an der Anastomose abgeknickt war und so wurde entschieden, dass erst eine Pouchoskopie gemacht wird.

Ich habe dann erst einmal 1-2 Liter quietschgrüne Flüssigkeit auf den Krankenhausboden gekotzt.
Ganz schlecht. Denn jetzt kam er mit einer Magensonde an… Diese Dinger sind schon total abartig, wenn man aus der Narkose damit aufwacht und jetzt sollte ich sie bei vollem Bewusstsein verpasst bekommen?!? Ich hatte bis dahin echt gedacht, dass ich schon alles durch habe…
Aber nein, man hat mir dieses Ding tatsächlich durch die Nase in den Magen geschoben. In 3 Anläufen.

Pouchoskopie brachte kein Ergebnis – Pouch war ok. Oberarzt wollte weiterhin nicht operieren und so hieß es für mich ab auf die Intensivstation.
Der reinste HORROR.
Ich will eigentlich gar nicht weiter darüber schreiben.. Intensivstation halt…Alleine das unentwegte, nur allzu bekannte Piepsen der Beatmungsmaschine aus einem der Nebenzimmer hat mich verrückt gemacht und augenblicklich 1,5 Jahre zurück katapultiert, als ich selbst noch von so einer Maschine beatmet wurde.

So habe ich dann bis Donnerstag nacht vor mich hin gedämmert. Die Magensonde, die bis dahin fleißig gefördert hat, hat dann ihren Geist aufgegeben und seit Stunden keinen Tropen mehr zu Tage gebracht.
Ich habe das gespürt, denn mir stand die Brühe bis kurz vor dem Hals, aber das wollte man mir nicht glauben. Nachdem mich das Ding ohnehin massiv gestört hat und ich mir nichts ekelhafteres, als mit einer Magensonde zu kotzen, vorstellen konnte, habe ich sie mir dann selbst gezogen. Hat dann eine Stunde gedauert und ich habe gute 2 Liter zielsicher in den großen Mülleimer neben meinem Bett befördert. Ab diesem Zeitpunkt ging es ganz langsam bergauf und ich wurde Freitag mittag auf die Normalstation verlegt.

Dann kam man auch einmal auf die Idee, mir Astronautennahrung an die Vene zu hängen – nach 11 Tagen Nulldiät (mit Ausnahme des fatalen Hühnchen Karotten Gerichts)… Nachdem sich keiner getraut hat, mir wenigstens Breinahrung zu genehmigen (Wochenende und kein kompetenter Arzt in Reichweite…), bin ich dann am Sonntag zum Kiosk vor dem Krankenhaus und habe mich mit Joghurt, Knäckebrot und Frischkäse eingedeckt und bin am abend zum Italiener auf der anderen Straßenseite und habe mir einen Teller Risotto genehmigt. Das war herrlich.

Zwei Tage später wurde ich entlassen und habe die Heimreise angetreten.

Die Wochen darauf waren kein Zuckerschlecken. Hab ich auch nicht erwartet, aber dass es so unangenehm wird, auch nicht…
Nach 10 Tagen habe ich die Schmerzen nicht mehr ausgehalten und bin zu meinem Gastroenterologen, der mich dann zur weiteren Untersuchung ins Krankenhaus überwiesen hat. Untersuchung war aufgrund der Schmerzen nicht möglich uns so habe ich mein Täschchen gepackt und stationär aufnehmen lassen, da die Untersuchung noch in der gleichen Nacht in Vollnarkose erfolgte. Vermutung hatte auf Anastomoseverengung oder Pouchitis gelautet. Nichts von beidem konnte festgestellt werden. Das war mir einerseits sehr recht, andererseits aber auch nicht, denn somit hatte ich keine Erklärung für die Schmerzen.
Die folgenden 2 Wochen ging es wieder besser, dann wieder einige Tage schlechter und jetzt wieder besser…
Am meisten stören die Nächte, in denen ich nie mehr als 2 Stunden Schlaf am Stück abbekomme, aber ich habe das Gefühl, dass auch das langsam besser wird – auch wenn es nur Minuten sind….
Auf stopfende Medikamente verzichte ich gänzlich, da ich keine Lust habe, einen Ileus zu provozieren und genug vertrauen in meinen Körper habe, dass er das selbst auf die Reihe bekommt. Auch wenn es dauert. Meine Lebenslektion Nr. 1 – GEDULD.
In ein paar Tagen geht es zurück in die Arbeit, seit 2 Wochen nehme ich an einem Yogakurs teil und war gestern das erste Mal wieder trainieren. Es geht voran.

12002188_726225797482409_4764347184871337373_n1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.